Januar 02, 2017

Transgendertrend als Zementierung starrer Geschlechtergrenzen






In einer deutschen Zeitung las ich unlängst einen Artikel über das Phänomen der Transsexualität bei Kindern. Offenbar gehen immer mehr und immer jüngere Menschen davon aus, in einem Körper mit dem falschen Geschlecht geboren zu sein. Da eine dementsprechende Behandlung zunehmend gewährt wird und die so im anderen Geschlecht Lebenden relativ reibungslos ihrem Alltag nachgehen können, spricht der Autor davon, dass die starren Geschlechtsbilder sich immer weiter aufgelöst hätten. Ich frage mich, wie man in diesem Fall von einer Auflösung stereotyper Vorstellungen von Männern und Frauen ausgehen kann. Es scheint mir im Gegenteil offensichtlich, dass in dieser Entwicklung eine absolute Verhärtung der Geschlechterstereotype zum Ausdruck kommt.

Der Autor schreibt: „Der Zuwachs steht für einen grundlegenden Einstellungswandel. Traditionell waren gerade Heranwachsende auf klar definierte Geschlechterrollen fixiert: Jungen wollten richtige Männer werden, Mädchen richtige Frauen. Wich jemand von den Erwartungen ab, kannten die anderen Jugendlichen wenig Gnade“ (Spiewak, 2016 42). Er berichtet vom Schicksal des Jungen Mark, der als Mädchen Leonie geboren worden war. Bereits in der Grundschule interessierte sie/er sich für Fußball und andere Ballsportarten und gab sich lieber mit Jungs ab als mit Mädchen. Nun schreibt der Autor dazu: „Den Mitschülern fiel es kaum auf, die meisten hielten Leonie ohnehin für einen Jungen mit einem etwas seltsamen Namen“ (ebd. 41). Das soll jetzt also ein gnädigeres Verhalten sein? Die anderen Kinder beschämen und verfolgen Mark nicht wegen seines geschlechtsuntypischen Verhaltens, sie sprechen ihm seine Geschlechtsidentität einfach ab. Wer sich nicht konform verhält, darf und kann in der neuen Einstellung per se einfach kein Mädchen sein.

Inwiefern hier eine Auflösung der Stereotype vorliegen soll, bleibt mir ein Rätsel. Es ist doch ganz offenbar noch viel klarer begrenzt, was ein Mädchen oder ein Junge ist. Wer früher vielleicht für sein merkwürdig anmutendes Verhalten ausgegrenzt wurde, wurde immerhin deshalb so behandelt, weil er sich als Mädchen oder Junge falsch verhielt. Ich will damit nicht sagen, dass eine solche Ausgrenzung (die ja auch oft mit tätigen Aggressionen einher ging) moralisch richtig oder psychologisch unbedenklich ist. Aber heute wird mit dem atypischen Verhalten direkt die Ausgrenzung aus der Geschlechterrolle begründet. Wer sich falsch verhält, ist gar kein Mädchen oder Junge mehr.

Als Beleg für die Zufriedenheit von Mark und seiner Mutter wird angeführt, dass er viele Freunde habe und in der Schule gut zurechtkomme. Aber heißt das nicht im Umkehrschluss, dass zu befürchten stünde, dass er keine Freunde hätte und nicht gut in seinem Umfeld zurechtkommen könnte, wenn er ein Mädchen mit einem stereotyp männlichen Verhalten geblieben wäre? Inwiefern kann man dies als Fortschritt oder als positiv bezeichnen? Mir scheint eine solche Entwicklung eher bedrohlich, da sie belegt, dass die stereotypen Vorstellungen von Männer und Frauen heute gnadenlos und unverrückbar sind. Der Artikel ist illustriert mit Bildern von einem Gender-Feriencamp, in dem die Teilnehmer andere Geschlechterrollen ausprobieren dürfen, ohne Ausgrenzung befürchten zu müssen. Die Tatsache, dass sie diese im normalen Leben zu befürchten hätten, zeigt meines Erachtens deutlich, dass von einer Liberalisierung bezüglich der Geschlechter keine Rede sein kann. Ist es etwa ein Fortschritt, wenn alle als bedrohlich empfundenen Rollenspiele in extra Ferienlager abgeschoben werden, so dass man sich nicht damit auseinandersetzen muss?

Als negative Gegenstimme kommt immerhin ein Psychologe zu Wort, der die immer früher beginnende Hormonbehandlung mit anschließenden operativen Eingriffen als Homosexualitäts-Verhinderungs-Strategie beschreibt. So könne atypisches Verhalten auch auf bestimmte sexuelle Ausrichtungen hinweisen, was durch geschlechtsverändernde Behandlungen, die noch vor der Pubertät beginnen, nie herausgefunden werden könne. Tatsächlich scheint es mir viel beunruhigender, dass ich jedem Kind, das sich nicht gemäß der seinem biologischen Geschlecht zugewiesenen Rolle verhält, signalisiere, dass es diesem Geschlecht auch nicht mehr zugehören darf. Wenn es ein Mädchen oder ein Junge bleiben will, muss es sich konform verhalten, ansonsten wird es ins andere Geschlecht verbannt. Diese Zementierung der Stereotype kann bereits erkämpfte Freiräume im Verhalten nur verringern. Man wird nicht mehr damit gehänselt, dass man kein richtiges Mädchen sei, sondern darf nun bereits ab dem frühesten Kindesalter einfach kein Mädchen mehr sein, wenn man sich anders verhält, als es den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht. Was eine lebenslange hormonelle Behandlung und frühe operative Eingriffe oder auch die Verhinderung der Pubertät für gesundheitliche Konsequenzen haben können, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber offenbar ist es für unsere Gesellschaft bequemer, diese potenziellen Risiken schon den Kleinsten unter uns zuzumuten, als toleranter mit unerwartetem Verhalten umzugehen.

Quelle
Martin Spiewak. „Das ist kein Spleen.“ Die Zeit (47) 10.11.2016 41f.

September 30, 2014

Human Dignity, Self-Respect and Self-Humiliation


In the contemporary philosophical debate on human dignity exists a view that understands it as self-respect. This concept can roughly be said to have its origins in Avishai Margalit’s The Decent Society and centers on a discussion of humiliation. The definition of dignity as something that can be lost and has to be protected is closely linked to the discussion of human rights. The link between dignity, human rights and humiliation is also discussed in other disciplines. The theoretical definition is usually approached ex negativo, i.e. as an attempt to show how humiliation is the negation of self-respect. I think a shift in perspective needs to be integrated in this view, as the negation of self-respect can only be self-humiliation.

Philosophers tend to establish an objective perspective that is not linked to the individual feelings of a person who is humiliated. Self-esteem or self-worth seem to get in the way of a neutral understanding of what humiliation is supposed to mean. It is often sketched as an assault on an attitude all human beings share – like a wish to be respected as individuals or a belief that we should have normative authority over ourselves. Yet, this does not seem to be what self-respect usually denotes; and in whatever way humiliating experiences actually affect the self-respect of the afflicted person her persuasion that she is worth just as much as all her fellow human beings cannot simply be destroyed from the outside. I do not want to imply that anyone could develop a feeling of self-worth without a (to a certain extent) positive social environment. However, a negative influence like humiliation is not enough to explain how self-respect is corrupted.

I believe that an inside perspective, heeding the psychological dimension of what happens when someone feels humiliated and loses self-respect, needs to be developed. Moreover, the crucial experience that endangers dignity is not humiliation as such, but self-degradation. Someone can only lose self-respect by denying this respect to herself. And this can ultimately only be done by herself. Once this inner process is focused we can ask for the prototypical situations that negate human dignity as self-respect. My suggestion is that these are moments of extreme shame in the way they are defined by Brené Brown (cf. Brown, 2012 71-74). Of course, shame is a cultural phenomenon and differs in diverse sociohistorical contexts. We really need to focus on the involved fear of social exclusion and the processes that undermine self-worth. Yet, in western cultures the analysis of shame seems to be an extremely fruitful area to understand how dignity is impaired by certain social practices. It also allows us to think about the vital perspectives we should take on life to enable us to live in dignity.

Sources


Margalit, Avishai. The Decent Society (transl. Naomi Goldblum). Cambridge/Mass. Harvard UP, 1996.

September 29, 2014

Crucial Differences




Doesn't one word sometimes make all the difference?

I am the person I am today because of my parents.

I am the person I am today despite my parents.


Or is this, after all, just same same (but different)?